Die flämische Stadt auch einmal von unten betrachtet

Wer von Antwerpen spricht, der spricht von der typischen Architektur im Stil der flämischen Renaissance, die in vielen Straßen und an Plätzen insbesondere im Zentrum noch immer – und in einem sehr guten Zustand – zu finden ist. Er (oder natürlich auch Sie) erwähnt mit Sicherheit, dass Antwerpen der vermutlich größte Handelsplatz für Diamanten ist und erinnert dabei an das Diamantenviertel in unmittelbarer Nachbarschaft der Centraal Station, dem Hauptbahnhof der Stadt. Und Peter Paul Rubens wird genannt. Die Spuren des flämische Barockmaler sind an vielen Orten zu finden: Im Rubenshaus sind Werke des Malers zu finden und auch in der Kathedrale sind große Arbeiten zu sehen. Die Kathedrale überragt überragt die flämische Stadt inzwischen wieder (fast) gerüstfrei, nach jahrelangen Arbeiten ist der Turm wieder in voller Schönheit zu sehen.

Die Stadt im Norden Belgiens begeistert aber nicht nur durch Diamanten, wunderschöne Straßen und Plätze und ihre kulturelle Vielfalt. Antwerpen ist auch dank der Lage an der Schelde eine bedeutende Hafenstadt: Der Hafen gilt als der zweitgrößte Seehafen Europas und bietet einige außergewöhnliche Besonderheiten.

Da wäre zunächst das von Zaha Hadid entworfene Havenhuis, das Hauptgebäude der Hafenbehörden. Verfehlen kann man das Gebäude kaum: Der Architekt Zaha Hadid erweiterte die ehemalige Feuerwache an der Mexicostraat 37 durch einen aus unzähligen Dreiecken geformten aufgesetzten Gebäudeteil, dessen Architektur an einen Schiffsrumpf erinnert. Die Glasflächen lassen die kühne Konstruktion im Sonnenlicht wie einen Diamanten erstrahlen. Fertiggestellt wurde das Gebäude 2016.

Nur wenige Schritte entfernt kann man in die Hafengeschichte Antwerpens eintauchen: Außerhalb der alten Stadtgrenzen wurden Mitte des 19. Jahrhunderts die Hafenflächen in einem sumpfigen Gebiet erweitert und dabei entstanden auch die ersten Trockendocks, in denen Seeschiffe gewartet und repariert werden konnten. 1863 wurde das erste Trockendock fertiggestellt, drei weitere Trockendocks entstanden, 1930 waren sogar zehn Trockendocks im neuen Antwerpener Hafenteil zu finden.

Inzwischen wird an den Schiffen an einem anderen Standort an der Schelde gearbeitet, geblieben sind aber die Docks, die Blicke in die Geschichte dieser Bauwerke freigeben: Anfangs entstanden die Trockendocks noch aus kunstvoll erstellten Mauerwerken, in denen Schiffe ihren Platz fanden. Im Laufe der Zeit wurden es dann stabile Betonbauwerke für die Trockendocks an den Ufern der Schelde errichtet.

Auch wenn sie nicht mehr genutzt werden: Geblieben sind die Docks und einige der Gebäude, in denen Firmen ihren Platz hatten, die an den eingedockten Schiffen gearbeitet haben. Heute beheimatet ein Gebäudekomplex am Droogdokkenweg die Schiffssammlung des MAS, dem Museum aan de Stroom, dessen Hauptgebäude im ehemaligen Hafenviertel am stadtseitigen Ufer der Schelde seinen Platz gefunden hat. Von dort hat übrigens von der Dachterrasse einen sehr guten Blick auf Antwerpen und auch auf das Gelände mit den alten Trockendocks.

Am Droogdokkenweg kann man nicht nur die MAS-Schiffssammlung sehen: Unter anderem kann man direkt an den Hallen das alte Feuerschiff „Lichtship 3 – West-Hinder“ besichtigen, einige Meter weiter in Richtung des „Diamanten“ kann man einen Blick in die Geschichte der Binnenschifffahrt auf Rhein und Schelde werfen: Das Rijn & Binnenvaartmuseum zeigt Schiffe, die auf diesen Gewässern unterwegs waren.

Weitere Attraktionen an den alten Trockendocks findet man in Form des hölzernen Minensuchbootes „M477 Oudenaarde“ und die „P 905 HNLMS Schelde“, einem Patrouillenschiff der Königlichen Niederlande.

Der Blick in die Docks ist nicht tief genug? Dann lohnt sich der Weg von der Sint-Jansvliet am stadtseitigen Ufer der Schelde zur Frederik van Eedenplein am Westufer der Schelde – allerdings nur für Fußgänger und Radfahrer.

Sie können durch den Sint-Annatunnel gehen, der seit 1933 beide Ufer der Schelde verbindet. 31 Meter geht es hinab unter den Fluss, der Weg ist 572 Meter lang und 4,3 Meter breit – und damit länger, als die Schelde an dieser Stelle breit ist. Was daran liegt, dass die Eingänge zum Sint-Annatunnel jenseits der Sicherheitsmauern liegen, die zum Schutz der Altstadt vor Sturmfluten errichtet wurden.

Und die Eingänge warten mit Besonderheiten auf: Jeweils zwei hölzerne Rolltreppen führen an beiden Seiten des Tunnels hinab in die Tiefe, sie wurden bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut und gelten als die ältesten noch erhaltenen voll funktionsfähigen Holzrolltreppen der Welt. Wer die einzigartigen Rolltreppen nicht nutzen möchte, der kann natürlich auch mit Fahrstühlen in den Tunnel gelangen. Der Sint-Annatunnel ist übrigens in den meisten Teilen im Originalzustand und steht unter Denkmalschutz.

Viel Wissenswertes über Antwerpen gibt es unter www.antwerpen.be/de , über das Museum aan de Stroom (MAS) unter www.mas.be